Schmerzen beim Stillen – was ist normal, und wann brauchst du Hilfe?
Wenn ich in den ersten Tagen nach der Geburt zu euch nach Hause komme, höre ich einen Satz besonders oft: „Ich dachte, Stillen ist etwas Natürliches – warum tut es dann so weh?” Wenn du dir diese Frage auch stellst: Du bist nicht allein, und du machst nichts falsch. Ich erzähle dir, was am Anfang normal ist, wo für mich die Grenze liegt und was ich Frauen bei wunden Mamillen rate.
Falls dir der Begriff neu ist: Mamille ist der Fachbegriff für die Brustwarze. Du wirst ihn von Hebammen und Stillberaterinnen oft hören, deshalb verwende ich ihn hier. Rund um die Mamille liegt der etwas dunklere Warzenhof. Beim Anlegen spielt er eine wichtige Rolle, denn dein Baby soll nicht nur die Spitze, sondern auch einen Teil davon mit in den Mund nehmen.
Ist Schmerz am Stillstart „normal”?
Ein bisschen Empfindlichkeit gehört dazu. Deine Mamillen werden zum ersten Mal so kräftig beansprucht. In den ersten Tagen ist ein kurzes Ziehen beim Anlegen deshalb nichts Ungewöhnliches. Es sollte nach wenigen Augenblicken nachlassen, und nach etwa einer Woche geht es den meisten Frauen spürbar besser.
Meine Faustregel: Stillen darf sich ungewohnt anfühlen, aber es soll nicht wirklich wehtun. Wenn der Schmerz bleibt oder stärker wird, ist das kein Preis, den du zahlen musst. Es ist das Zeichen, dass wir gemeinsam hinschauen sollten.
Wann ist es mehr als Anfangsschmerz?
Bei meinen Besuchen achte ich auf ein paar Warnzeichen. Melde dich bitte bald bei mir oder einer anderen Hebamme, wenn …
- der Schmerz die ganze Mahlzeit über anhält oder danach bleibt,
- die Mamille Risse, Blasen oder Blutungen zeigt oder nach dem Stillen gequetscht bzw. schräg abgeflacht aussieht,
- sie nach dem Stillen weiß wird und pochend oder brennend schmerzt,
- du Brennen oder Stechen bis in die Brust spürst (möglicher Infekt, zum Beispiel Soor),
- Rötung, Hitze, Knoten, Fieber oder Grippegefühl dazukommen – dann bitte noch am selben Tag,
- es nach einer Besserung plötzlich wieder schlimmer wird.
Warum werden Mamillen wund?
In meiner Arbeit steckt selten nur eine Ursache dahinter, aber eine kommt mit Abstand am häufigsten vor: das Anlegen. Das Baby erfasst zu wenig Brustgewebe, der Kopf ist verdreht oder es liegt zu flach an. Das ist kein Versagen. Anlegen ist etwas, das ihr beide erst lernt.
Manchmal kommt noch etwas dazu: ein Zungenband, ein hoher Gaumen oder unkoordiniertes Saugen beim Baby. Flach- oder Hohlwarzen, eine sehr pralle Brust oder ein starker Milchspendereflex. Reibung durch enge BHs oder nasse Stilleinlagen. Infektionen durch Bakterien oder Pilze. Gefäßkrämpfe, bei denen die Mamille weiß wird. Und beim Abpumpen manchmal eine unpassende Trichtergröße.
Was hilft bei wunden Mamillen?
Zuerst schauen wir uns an, wie ihr stillt. Bei meinen Besuchen sehe ich mir eine ganze Stillmahlzeit in Ruhe an: Haltung, Mund des Babys, wie es trinkt. Oft sind es Kleinigkeiten, die den Unterschied machen: Baby ganz nah, Kinn zuerst an der Brust, Mund weit geöffnet, Nase frei. Manchmal hilft auch eine andere Position, etwa Rückengriff oder Stillen im Liegen. Wenn es zu sehr wehtut, um direkt zu stillen, kann kurzfristiges Abpumpen den Milchfluss erhalten, bis wir die Ursache gefunden haben.
Wunden brauchen Schutz und Ruhe. Ehrlich gesagt ist die Studienlage bei wunden Mamillen dünn. Ich verlasse mich deshalb auch auf das, was sich in der Praxis bewährt hat:
- Lanolin-Salbe: Hochgereinigtes Lanolin, dick aufgetragen, hält die Wunde feucht und muss vor dem Stillen nicht entfernt werden. Ein Tropfen Muttermilch schadet nicht, wirkt aber nicht besser als nichts.
- Brustdonuts: Mein Liebling ist der „Wiener Brustdonut”, den österreichische Kolleginnen entwickelt haben. Ein weicher Ring aus Stilleinlagen und Schlauchverband nimmt den Druck von der Mamille und fördert die Durchblutung. Man kann ihn ganz einfach selbst basteln.
- Hypochlorige Säure (HOCl): Bei Entzündungszeichen reichen Wasser oder Kochsalzlösung nicht mehr aus. Dann kann eine antiseptische Lösung wie hypochlorige Säure sinnvoll sein, bitte aber nur nach Rücksprache mit mir oder deiner Ärztin.
Und dann gibt es ein paar Möglichkeiten, die ich als Ergänzung sehe:
- Softlaser: Er kann Schmerzen lindern und die Heilung unterstützen. Die Studien dazu sind noch klein, deshalb sehe ich ihn als Zusatz durch Fachpersonal und nicht als Ersatz für das Anlegen.
- Zungenband abklären: Wenn ein Baby trotz gutem Anlegen Schwierigkeiten hat, lasse ich das Zungenband anschauen. Nicht jedes muss durchtrennt werden. Wichtig ist, dass jemand genau hinschaut und ihr in Ruhe entscheidet.
- Osteopathie: Manche Familien erleben sie als sehr wohltuend. Dass sie beim Stillen nachweislich hilft, ist nicht belegt. Für mich ist sie eine mögliche Ergänzung, nie der erste Schritt.
Du musst da nicht allein durch
Als zweifache Mama weiß ich, wie viel Kraft die ersten Wochen kosten. Da soll das Stillen nicht auch noch wehtun. Schmerzen sind häufig, aber selten ohne Ursache, und fast immer lässt sich etwas verändern. Je früher jemand hinschaut, desto besser. Melde dich gern bei mir, wenn du Unterstützung möchtest – in der Wochenbettbetreuung oder in der Hebammensprechstunde.
Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung oder ärztliche Abklärung.